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Dossiers - Jungen

Kindergärtner, Putzmänner und Heimhelfer

Neue Berufsrollen bei Männern werden mit Staunen, aber zumeist positiv wahrgenommen
Kindergärtner, Putzmänner und Heimhelfer -
Kindergärtner - Foto: flickr-user: Orin Zebest - CC BY 2.0
„Wenn ich einmal groß bin, werde ich Feuerwehrmann oder Polizist.“ Ein typischer Berufswunsch eines Buben. Mittlerweile wagen sich zunehmend Männer in typische „Frauenberufe“, nachdem Soldatinnen und Polizistinnen längst schon ihre Frau stehen. Dennoch werden viele Professionen geschlechtsspezifisch ausgeübt. So arbeiten heute kaum 20 Prozent der Männer als Friseur, Altenpfleger oder Bürokaufmann. Noch exotischer ist etwa der Kindergärtner oder die männliche Hebamme.

Woher kommen die Berührungsängste von Männern mit typisch weiblichen Berufen? Liegt es mehr an der meist unterdurchschnittlichen Bezahlung und der oft geringeren gesellschaftlichen Wertschätzung? Umgekehrt: Welche Motive spielen eine Rolle, wenn sich ein Mann für einen Frauenberuf entscheidet? Fühlen sich Männer in Frauenberufen als Mann akzeptiert?
„Männer in Frauenberufen begegnen viel Unverständnis“, glaubt Shahanah Schmid, die sich am Soziologischen Institut der Universität Zürich mit der Thematik befasst hat. „Es klingt besser, sagen zu können, ‚meine Tochter wird Ärztin’ als ‚mein Sohn wird Krankenpfleger’.“
Allerdings ist Schmid davon überzeugt, „dass die Arbeitskolleginnen Männer in ihrem Beruf gerne sehen und ihren raschen Aufstieg zwar nicht aktiv unterstützen, aber in Kauf nehmen.“ 

Werner, die Kindergärtnerin


Werner Zefferer arbeitet seit über zehn Jahren als Kleinkindpädagoge in einem Tagesheim in Wien-Floridsdorf. Das Berufsziel des 32-Jährigen war allerdings nicht von vornherein klar: Zwar hatte es ihm schon früh große Freude bereitet, mit den Kindern seiner drei Geschwister zu spielen, doch schlug er vorerst einen anderen Weg ein. Trotz der Karriereaussichten gab Werner seine Anstellung beim Finanzamt auf, um im zweiten Bildungsweg zu seinem Traumberuf zu kommen. Werner bereut seine damalige Entscheidung keinen Moment: „Jeder Tag ist schön. Ich freue mich immer, in die Arbeit zu kommen, denn die Kinder reißen dich mit ihrer Fröhlichkeit mit.“
Der Sohn einer Baumeisterfamilie aus dem steirischen St. Sebastian schätzt den positiven und vorurteilsfreien Bezug von Kindern zu männlicher Betreuung. Und genau darauf komme es an, denn es gebe immer mehr allein erziehende Mütter, weiß Werner. Daher sei es für immer mehr Kinder wichtig, eine männliche Bezugsperson im Kindergarten zu finden.
Probleme mit den Kolleginnen gebe es keine, vom Unverständnis gegenüber seiner Berufswahl, von dem die Soziologin spricht, merkt Werner nichts: „Die Kolleginnen sind sehr nett und hilfsbereit. Ich bin ein gleichberechtigter Partner.“ Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts IFES aus dem Jahr 2003 zeigt klar den Wunsch von Frauen nach einer Abkehr von typischen „Frauen-“ und „Männerberufen“: Etwa 85 % der Wienerinnen begrüßen männliche Kindergärtner.
„Die Eignung für diesen Beruf hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, sondern mit der Persönlichkeit“, ist Werner überzeugt und fügt hinzu, dass sich das Bild des Mannes im Laufe der Zeit gewandelt habe. Dass sein Einkommen „für einen Mann“ nicht sehr hoch sei, stört Werner nicht: Schließlich kann er das Argument widerlegen, keine Familie ernähren zu können: Werner ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Und: Seine Frau ist auch Kindergärtnerin.

Milorad, die Putzfrau


Auch Milorad Kratschmer-Boskovic zählt in seinem Beruf zur männlichen Minderheit. Der 31-Jährige Serbe arbeitet seit einem Jahr für die Firma JANUS-Multiservice als Reinigungskraft im Wiener AKH. Der Job wurde Milorad vom Arbeitsmarktservice vermittelt.
Milorad ist einer von 15 Männern, die rund 700 Kolleginnen gegenüber stehen. „Aber das ist kein Problem“, betont Milorad. Schließlich gebe es auch Tätigkeiten, die speziell den männlichen Kollegen vorbehalten seien. Vor allem die tägliche Deckenreinigung oder die Teppichreinigung erfordert viel Kraft und wird in erster Linie von den Männern ausgeübt. Dass andere Tätigkeiten vielmehr mit der Arbeit einer „Putzfrau“ assoziiert werden, stört Milorad nicht. Er ist froh, diesen Beruf überhaupt ausüben zu können.

Andreas, die Heimhelferin


Ebenfalls einen für Männer untypischen Beruf übt Andreas (34) aus. Seit fünf Jahren ist der Niederösterreicher als Heimhelfer tätig. Dass es ein Frauenberuf ist, stört ihn nicht. Fast täglich besucht Andreas ältere und hilfsbedürftige Menschen in ihren Wohnungen. Putzen, kochen, Körperpflege, einkaufen oder die Menschen bei Spaziergängen oder wichtigen Wegen zu begleiten, gehören zu seinem Alltag.
In den Jahren zuvor hatte Andreas nach einer abgebrochenen Lehre mehrere Gelegenheitsjobs ausgeübt. Daher sieht er seinen „weiblichen Beruf“ mit großer Dankbarkeit, da er ihm wieder Sinn und Kontinuität in seinem Leben gegeben habe.
Der Eindruck, aufgrund seines Geschlechts von Kolleginnen mit Skepsis oder Misstrauen begegnet worden zu sein, habe sich bei ihm nie aufgedrängt. Im Gegenteil: „Die meisten Kolleginnen haben mich herzlich aufgenommen“, erinnert sich Andreas. Darüber hinaus würden Tätigkeiten wie Körperpflege zu physischer, oftmals aber auch psychischer Schwerarbeit zählen: „Wer fragt hier noch, ob das überhaupt ein Beruf für das so genannte ‚starke Geschlecht’ ist?“ fügt Andreas hinzu.

Traditionelles Wertesystem bremst Veränderungen



Liegt das Problem also nicht an mangelnder Akzeptanz durch Frauen, so stellt der Berufszugang eine Hürde für Männer dar, glaubt der deutsche Politologe Jens Krabel:
„Die Berufsausbildungen im Bereich Pflege und Erziehung orientieren sich stark an Frauen. Dies stellt für Männer eine weitere Zugangserschwernis dar.“ Männer, welche so genannte Frauenberufe ergreifen, würden durch unser gesellschaftliches Wertesystem weniger unterstützt und abgewertet: „Dies sei ja keine Arbeit für einen richtigen Mann.“
Andreas jedoch kümmern derartige Aussagen nicht, die er ohnehin selten zu Ohren bekommt. Andreas glaubt, dass in Zukunft Heimhilfe als „Frauenberuf“ kein Thema mehr sein wird. Die Arbeitslosigkeit sei gestiegen und ebenso der Bedarf an Pflegepersonal. Bald würden „geschlechtsspezifische Eitelkeiten“ keine Rolle mehr spielen.
Der einzige Wunsch, den Andreas an seinen Beruf hat, ist eine geregelte Arbeitszeit. Schließlich ist Andreas verheiratet und Vater einer dreijährigen Tochter. Doch er weiß: „Auch am Wochenende brauchen alte Menschen Betreuung. Egal, ob einen Mann oder eine Frau.“ Andreas betont, dass es Männer nicht „unmännlicher“ mache, selbst Fürsorge und menschliche Zuwendung im Berufsleben an den Tag zu legen, denn: „Nächstenliebe ist weder männlich noch weiblich, sondern menschlich.“

Autor: Michael Link. Der Autor ist Journalist.

Sind Sie über die Zwischenüberschriften gestolpert? Wie oft ist es fraglos üblich, Frauen bei Lehrern, Bürgern, Pensionisten oder Autofahrern stillschweigend mit einzuschließen? So diesmal auch hier – nur umgekehrt.

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